Warum 10.000 Schritte dich nicht schlank machen – und was ich über NEAT gelernt habe

Ich dachte, ich hab’s im Griff

10.000 Schritte am Tag.
Kennst du. Macht man halt. Man will ja fit bleiben (und vielleicht etwas abnehmen).
Ich auch.

Abends nochmal raus, ein bisschen laufen, Uhr zufriedenstellen, gutes Gefühl haben.
So nach dem Motto: Heute war ich aktiv.

Und trotzdem:

  • Das Gewicht stagniert
  • der Körper verändert sich nicht wirklich

Und ich hab mich ernsthaft gefragt:
Was läuft hier eigentlich schief?

Erst mal zur Klärung: Warum 10.000 Schritte?

Der Ursprung der „10.000 Schritte am Tag“ liegt nicht in der Wissenschaft, sondern im Marketing. In den 1960er-Jahren wurde in Japan ein Schrittzähler mit dem Namen Manpo-kei entwickelt, hergestellt von der Firma Yamasa Corporation. „Manpo-kei“ bedeutet übersetzt so viel wie „10.000-Schritte-Zähler“. Die Zahl wurde dabei bewusst gewählt: Sie ist rund, leicht zu merken und hatte im Japanischen sogar eine visuelle Komponente, weil das Schriftzeichen für 10.000 (万) an eine gehende Person erinnert.

Die Einführung dieses Geräts fiel zeitlich in die Phase rund um die Olympischen Spiele 1964 in Tokio, als Gesundheit und Bewegung stärker in den Fokus der Gesellschaft rückten. Ziel war es, die Menschen zu mehr Aktivität im Alltag zu motivieren. Eine wissenschaftliche Grundlage für genau diese Zahl gab es jedoch nicht. Es ging vielmehr darum, eine einfache, greifbare Zielgröße zu schaffen, die Menschen dazu bringt, sich überhaupt mehr zu bewegen.

Im Kern steckt hinter der Idee trotzdem etwas Sinnvolles: Mehr Bewegung im Alltag ist grundsätzlich gesund. Nur die konkrete Zahl von 10.000 Schritten ist kein wissenschaftlich festgelegter Grenzwert, sondern eher ein clever gewählter Richtwert, der sich einfach durchgesetzt hat.

Ich selber habe mir auch dieses Ziel auferlegt und es ist nicht ganz falsch. Aber eben auch nicht alleine entscheidend und nicht die Antwort auf alles. Warum liest Du gleich.

Neuere Studien zeigen, dass bereits 6.000–8.000 Schritte pro Tag mit deutlichen gesundheitlichen Vorteilen verbunden sind – ein fixer Zielwert von 10.000 Schritten ist wissenschaftlich nicht notwendig. 1

Der Klassiker: Wir bewegen uns zur falschen Zeit

Wenn ich ehrlich bin, sieht mein Tag oft so aus:

  • viel sitzen
  • wenig Bewegung
  • Arbeit, Auto, Couch

Und abends dann: „So, jetzt noch schnell die Schritte vollmachen“. Oft mehr Plichterfüllung, denn das ist „ja gut für mich“.

Das Problem ist nur: Das fühlt sich (mehr oder minder) gut an – ist aber oft nicht der entscheidende Hebel.

Wichtig dabei ist: Langes Sitzen gilt mittlerweile als eigenständiger Risikofaktor für Gesundheit und Lebenserwartung – unabhängig davon, ob man regelmäßig Sport treibt.2

Der Punkt, der mir nicht bewusst war: NEAT

Ich bin auf meiner Suche nach Zusammenhängen (und dazu warum ich verflixt nochmal dieses Gewichtsplateu habe) über einen Begriff gestolpert, den ich vorher nicht wirklich auf dem Schirm hatte:

NEAT (Non-Exercise Activity Thermogenesis)

Das klingt erstmal nach Labor oder einer weiteren hippen wissenschaftlichen These. Was dahintersteckt ist aber eigentlich simpel:

NEAT ist alles an Bewegung, was du im Alltag machst – ohne Sport.

Also:

  • rumlaufen
  • aufstehen
  • Treppen gehen
  • stehen statt sitzen
  • einfach generell nicht wie festgetackert irgendwo hängen

(Was ich jetzt anders mache kommt weiter unten)

Und jetzt wird’s interessant

Das hat mich wirklich überrascht: Ein großer Teil deines täglichen Kalorienverbrauchs kommt genau aus dieser Alltagsbewegung.
Eigentlich ist das aber gar nicht so überraschend. Früher war Bewegung Alltag. Heute ist sie ein Termin im Kalender.

Überraschend ist aber: Der Unterschied zwischen Menschen kann hier mehrere hundert Kalorien am Tag (300 – 800) ausmachen3.
Und das ohne Training, ohne Fitnessstudio, nur durch Alltag.

Und das bedeutet konkret:
Du kannst den ganzen Tag sitzen – und versuchst abends mit 300 Kalorien alles zu retten, während du gleichzeitig 500 Kalorien im Alltag liegen lässt.

Der Fehler, den ich gemacht habe

Ich habe versucht, einen inaktiven Tag mit einer aktiven Stunde zu „reparieren“. Und das funktioniert oft einfach nicht.

Wenn du:

  • 8–10 Stunden sitzt
  • dich kaum bewegst
  • und dann 1 Stunde spazieren gehst

…dann kompensierst Du das dadurch womöglich nicht vollständig. Die eine Stunde (oder 1,5 Stunden) um auf Deine 10.000 Schritte zu kommen, bringen Dir vielleicht ein paar hundert Kalorien Verbrauch mehr ein, aber sie sind kein Gamechanger.4

Oder anders gesagt:

Entscheidend ist die Gesamtbewegung über den Tag – nicht ein einzelner Block am Abend. Es kommt auf die Gesamtbilanz an.

Dein Körper ist nicht blöd

Was Dir klar sein muss:
Wenn du weniger isst oder mehr trainierst, macht dein Körper oft automatisch Folgendes:

  • du bewegst dich weniger
  • wirst träger
  • sitzt mehr

Die Folge: Dein NEAT sinkt
Das merkst du aber nicht bewusst.

Das erklärt auch, warum Du manchmal „alles richtig machts“ – und trotzdem nicht vorankommst.

Was ich jetzt versuche

Ich ändere nicht Radikales, das hält man eh nicht so leicht durch. Aber ich habe angefangen, anders darauf zu achten:

Nicht mehr: „Ich gehe abends meine Schritte“
Sondern: „Ich bewege mich über den ganzen Tag“

Selbst kurze Bewegungseinheiten über den Tag verteilt können messbare gesundheitliche Vorteile haben und z. B. den Blutzucker besser regulieren als langes Sitzen mit einer einzelnen Trainingseinheit.5

Ganz konkret:

  • öfter aufstehen (Arbeitsplatz und auch im privaten Dinge „unbequemer“ einrichten könnte schon helfen)
  • kleine Wege bewusst gehen (muss ich wirklich mit dem Auto zum Supermarkt um die Ecke? Obwohl es regnet?)
  • beim Telefonieren rumlaufen (merkt ja keiner)
  • Treppen statt Aufzug (erstaunlicherweise für mich persönlich mental schwer. Nicht körperlich, ich gehe auch 1.000 Höhenmeter am Berg ohne Klagen, aber Treppe ???)
  • weniger „Dauersitzen“ (ich habe meine Sitzarbeitsplatz eliminiert. Punkt.)

Klingt unspektakulär. Ist aber genau der Hebel. Und ist auch teilweise echt unkomfortabel. Aber hey! Willst Du’s oder willst Du’s nicht?

Mein Fazit

Ich hab für mich gelernt:

  • 10.000 Schritte sind gut. Keine Frage.
  • Aber sie sind kein Abnehm-Hack.

Der eigentliche Unterschied passiert im Alltag.
In den vielen kleinen Bewegungen, die man gar nicht auf dem Schirm hat – und die Dir auch Dein Fitnesstracker (leider) nicht so genau ermittelt.

Ehrlich gesagt bin ich da selbst noch dran.

Ich merke nur:
Ja, da gibt es viel, auf das ich noch achten kann. Vielleicht bin ich zu bequem geworden? Vielleicht sind die Annehmlichkeiten den Alltags zu verführerisch? Vielleicht muss man sich selbst mehr fordern?

Ich persönlich werde mehr darauf achten, wie viel ich meinen Alltag Ent-„Komfortablisiere“. Weil ich glaube, dass es sich lohnt.

Wenn du selber auch wirklich etwas verändern willst, hör auf, Schritte zu sammeln (oder mach damit weiter, aber mach Dich nicht verrückt damit) – und fang an, deinen Alltag zu verändern.

  1. JAMA (2019, Lee et al.):
    https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/2734709
    Lancet Public Health (2022 Meta-Analyse):
    https://www.thelancet.com/journals/lanpub/article/PIIS2468-2667(21)00302-9/fulltext ↩︎
  2. Meta-Analyse (Annals of Internal Medicine, 2017):
    https://www.acpjournals.org/doi/10.7326/M16-2947 ↩︎
  3. https://www.science.org/doi/10.1126/science.283.5399.212
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15657467/ ↩︎
  4. Pontzer et al. (Current Biology, 2016):
    https://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(15)01577-8 ↩︎
  5. Dunstan et al. (Diabetes Care, 2012):
    https://diabetesjournals.org/care/article/35/5/976/38672 ↩︎

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